Österreich Institut Österreich Institut Österreich Institut
Österreich Institut
KontaktAnmeldung online EinstufungZahlungsmodalitäten
---
Österreich Institut
|
.
.
EuropaSiegel
 
 

1989-2009-2029

20 Jahre sind seit dem Mauerfall und dem Durchschneiden des Eisernen Vorhangs vergangen. Das haben wir uns zum Anlass für das Projekt 1989-2009-2009 genommen.


Ziel des Projektes ist die persönliche Auseinandersetzung der ProjektteilnehmerInnen mit dem Thema 1989-2009-2029 auf zwei Ebenen:

 

  • Wie sieht man die historischen Ereignisse von 1989 und die weitere Entwicklung bis heute auf den zwei Seiten des ehemaligen „Eisernen Vorhangs“? Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten bringen die zwei Perspektiven des „Ostens“ und des „Westens“ zutage?
  • 1989 – 2009 – 2029: Was war, was ist und was wird sein ? Was bewegte uns, was bewegt uns und was wird uns in Zukunft bewegen?
    Am Österreich Institut Budapest wurde das Projekt von den KursteilnehmerInnen Éva Asztalos, Andrea Ágoston, Alíz Humayer, Kitti Cservenák, Áron Farkas und Imre Simon unter der Leitung von Ildikó Jójárt durchgeführt.

 


Das Projekt wird auch in anderen Österreich Instituten durchgeführt. Die Projektergebnisse werden in einem länderübergreifenden Journal ab Juli 2009 auf dieser Seite präsentiert.

 

Die interessanten Interviews finden Sie hier!

 

 

Österreich Institut Budapest

 

Das Projekt wurde  von den KursteilnehmerInnen Éva Asztalos, Andrea Ágoston, Alíz Humayer, Kitti Cservenák, Áron Farkas und Imre Simon unter der Leitung von Ildikó Jójárt durchgeführt.

 

Lívia Zsoldos-Kovács
Lehrerin für Englisch und Geschichte am László-Németh-Gymnasium in Budapest

 

Im Jahre 1989 war ich schon drei Jahre verheiratet, aber wir hatten noch keine Kinder. Ein Jahr davor hatte ich mein Universitätsstudium abgeschlossen und begann in unserem Gymnasium zu unterrichten. Als Berufseinsteiger haben wir wenig verdient und konnten gar nicht an den Kauf einer eigenen Wohnung denken. 1989 lebten wir in einer Dreizimmerwohnung in einem Plattenbau, zusammen mit meinen Schwiegereltern samt Schwager und Schwägerin. Wir haben die Nachrichten im Fernsehen mit großen Erwartungen verfolgt. Der Generalsekretär der damaligen allein herrschenden Partei, János Kádár, war e bereits abgelöst und man konnte schon ahnen, dass große Änderungen im Gange waren. Die Nachrichten über die im Ausland lebenden ungarischen Minderheiten kamen nämlich plötzlich unter den innenpolitischen Berichten statt unter den außenpolitischen, wie bis dahin.

Zwei persönliche Erlebnisse möchte ich besonders hervorheben, die bis heute in mir sehr lebendig geblieben sind.
 Am 23. Oktober 1989 (Nationalfeiertag, Jahrestag der Revolution 1956) begleitete ich mit einigen anderen Kollegen Schulklassen zum Platz vor dem Parlament, so waren wir bei der Ausrufung der Republik persönlich anwesend. Wir kamen zu Fuß zurück, denn sehr viele Menschen waren auf der Straße und unterwegs haben wir uns darüber ausgetauscht, was wir gerade erlebt haben. Das andere Erlebnis ist auch mit einem Fest verbunden. Der 15. März 1989 (Jahrestag der Revolution 1848) war und blieb der einzige Tag, an dem ich unseren Nationalfeiertag ohne Angst, sogar mit gutem Gefühl feiern konnte. Da gab es auch eine Riesenmenge auf den Straßen, trotzdem konnte man die Erinnerungsorte der Märzrevolution alle friedlich der Reihe nach besuchen. Die neuen politischen Parteien existierten war schon, aber die Gegensätze zwischen ihnen waren noch nicht offensichtlich. Die Leute konnten also in größter Ruhe mit der Tulpenfahne oder einer  Orange in der Hand oder der Anstecknadel mit dem freien Vogel darauf durch die Straßen ziehen. (Symbole der einzelnen politischen Gruppierungen.) Jeder hat nur gelächelt, niemand hat böse Bemerkungen wegen der Parteizugehörigkeit des Anderen gemacht, und natürlich hatten wir auch die Polizei nicht mehr zu fürchten. Im Jahr darauf  – ca. drei Wochen vor den Parlamentswahlen – hatte dieses Fest nicht mehr dieselbe angenehme Atmosphäre und später wurde die Situation immer schlechter.

Was positive Auswirkungen  im Leben der ungarischen Bürger nach der Wende angeht, kann ich sagen, dass es in meinem Leben, zumindest im finanziellen Sinne, keine großen Änderungen brachte. Als 2002 das Gehalt der Beamten um 50% erhöht wurde, konnten wir ein-zwei Jahre lang das Gefühl haben, besser zu verdienen. Trotzdem wurden die Hoffnungen, die ein durchschnittlicher Beamter im öffentlichen Dienst mit dem Systemwechsel verbunden hat, nämlich dass seine Arbeit sowohl finanziell als auch geistig anerkannt  wird,  nicht erfüllt. Es ist bedrückend zu sehen, wie groß die Armut auf den Straßen ist oder dass hochqualifizierte Menschen, die für die Gesellschaft und dadurch indirekt auch für die Wirtschaft nützliche Tätigkeiten ausüben, ihre Familien nur mit großen Schwierigkeiten ernähren können. Ich sehe nicht einmal eine Chance dafür, dass in Ungarn  intellektuelle Arbeit jemals besser honoriert wird.
Die politische Wende hat notgedrungen auch die Wirtschaft umstrukturiert. Warum diese Umwälzung für den Durchschnittsbürger eher eine Enttäuschung bedeutet hat? Die Enttäuschung war vielleicht gerade vom kommunistischen System selbst ausgelöst worden, das durch seine Existenz versucht hatte, die Menschen zu uniformieren, die Unterschiede zu verwischen. Nach dem Ende des Kommunismus sind einerseits große Vermögen entstanden, andererseits konnte man immer besser sehen, was eigentlich auch schon immer da war: Die Unterschiede zwischen den Reichsten und den Ärmsten. Die Leute, die um die Wende ein großes Vermögen angesammelt haben, haben praktisch aus ihrem früheren politischen Kapital ein finanzielles Kapital gemacht, ohne jeglichen Zusatzwert dabei zu schaffen. Nur weil sie „nahe am Feuer“ waren, wie man bei uns sagt. Der andere Grund für die Enttäuschung  könnte sein, dass die riesigen Staatsschulden von Ungarn bis heute nicht abgebaut sind. Was für eine Regierung auch immer 1990 entstanden wäre, sie hätte das Vertrauen der ungarischen Bevölkerung gehabt, um mutige, große Schritte zur Umformung des Wirtschaftssystems zu wagen, wie z.B. die grundlegende Reform der Renten- und Krankenversicherung. Die Regierungskoalition von  József Antall traute sich jedoch nicht, diese Maßnahmen durchzuführen. Ohne Zweifel hätten diese Schritte zu einem ernsthaften gesellschaftlichen Aufruhr geführt, aber die späteren Regierungen konnten nicht mal mit der Hälfte des Vertrauens rechnen wie die erste. 1995 wurden beispielsweise die nötigen Reformen mit der Bezeichnung „Bokros- Paket” in Gang gesetzt, aber die Unzufriedenheit der Bürger brachte den Prozess zum Stillstand. Heute denken jedoch viele, dass man die Reformen damals  besser komplett durchgeführt hätte. Das soziale Netz funktioniert seitdem schlecht und die großen Besteuerungs- bzw. Verteilungssysteme wurden seither immer noch nicht zufriedenstellend reformiert.
Die Behauptung mancher Skeptiker, dass die Wende eigentlich gar nicht stattgefunden hätte, halte ich für eine große Übertreibung. Meiner Meinung nach gab es eine politische Umwälzung, dabei stimmt es auch, dass die Verantwortlichen des alten Systems hier im Gegensatz zu anderen Ländern nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. In Deutschland wurde ja die Liste der Stasi-Mitarbeiter veröffentlicht, wodurch sie - moralisch disqualifiziert -  nicht mehr imstande waren, im öffentlichen Leben noch eine Rolle zu übernehmen. In Ungarn jedoch kann die Aufdeckung eines ehemaligen Denunzianten noch immer  einen Skandal auslösen. Das ist nur möglich, weil der gesellschaftliche Widerstand die Veröffentlichung solcher Listen anfangs verhindert hatte. Wir sprechen nämlich über ein Land, in dem die Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei (MSZMP) achthunderttausend Mitglieder zählte. Die Erfahrung, dass viele der Vertreter des politischen Establishments eine enge Verbindung mit der Nomenklatur der früheren Partei haben, nährt die Skepsis natürlich. Die Ungarische Sozialistische Partei (MSZP), die nun seit sieben Jahren an der Regierung ist, gilt in den Augen vieler als Nachfolgepartei der MSZMP. Die neuen Parteien MDF (Ungarisches Demokratisches Forum) und SZDSZ
(Verband Freier Demokraten) haben jedoch auch frühere MSZMP-Mitglieder aufgenommen. Ich habe Verständnis für die Skepsis, aber es ist ein Irrtum zu behaupten, dass die Wende nicht stattgefunden hat. Nichts anderes demonstriert es besser als unser Gespräch, das nämlich  vor 1989 nicht ohne Folgen hätte veröffentlicht werden können.
Von den Ereignissen in den Nachbarländern erinnere ich mich an die Fernsehübertragungen über die Demonstrationen bzw. Revolten in Temesvár (Timisoara, Temeswar) und Marosvásárhely (Targu Mures, Neumarkt) und den vorangehenden Aufstand der Bergleute. Ich habe ganz klare Erinnerungen an den Fall des „Eisernen Vorhangs” und der Berliner Mauer. Ich weiß noch, dass die Delegation von Tamás Deutsch in Prag verhaftet wurde, weil sie geplant hatte, im Rahmen einer Aktion die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu wecken und sich so für die Beteiligung von Ungarn an der Niederschlagung des Prager Frühlings im Jahre 1968 zu entschuldigen.
Ich glaube nicht, dass das „Paneuropäische Picknick” heute eine besonders große symbolische Bedeutung hätte. Alle haben eher spektakuläre Ereignisse in Erinnerung behalten, nicht das friedliche, freundliche oder vielmehr protokollarische Picknick. Heute würden vielleicht viele gar nicht wissen, worum es dabei geht.
Ob die betroffenen Länder ihren Platz in Europa gefunden haben? Ich glaube, wir sind dabei, unseren Platz zu suchen, aber wir haben ihn noch nicht gefunden. Obwohl Ungarn laut offizieller Dokumente Mitglied der Europäischen Union ist, können wir uns doch noch nicht als ebenbürtiger Mitgliedstaat fühlen. Slowenien mag eine Ausnahme sein, es stand aber wirtschaftlich schon immer  an der Spitze der ostmitteleuropäischen Staaten. Andererseits wird das Verhältnis zwischen den Ländern der Region durch viele Gegensätze und alte Ressentiments erschwert. Denken wir nur an die rumänisch-ungarischen oder slowakisch-ungarischen Spannungen. Die Argumentation, die auf der historischen Vergangenheit basiert, lenkt das Schicksal dieser Völker in eine falsche Richtung, in eine Sackgasse. Als würde ein Großteil der Bürger – mitunter auch Politiker - immer noch in der Vergangenheit leben anstatt zu versuchen,  eine Grundlage für die Zukunft ihrer Kinder zu schaffen.

 

Dr. Ulrich Fiedler
Lehrer am Albertus-Magnus-Gymnasium in Rottweil (Baden) für die Fächer Altgriechisch, Latein, Hebräisch, Geographie und Geschichte

 

In welcher Lebenssituation warst du 1989?
Im Jahre 1989 lebte ich schon in Rottweil, wo ich Lehrer am Gymnasium bin. Ich hatte damals gerade meine künftige Frau kennengelernt, wir waren verlobt.

Hattest du vielleicht Kontakt mit Ostdeutschen oder mit Osteuropäern?
Ich persönlich hatte keinen Kontakt mit Ostdeutschen, aber mein Vater, der früh verstorben ist, kommt aus Sachsen-Anhalt. Dies liegt ja in der ehemaligen DDR, deshalb waren diese Gebiete, die Städte und ihre Geschichte mir von Anfang an sehr vertraut. Osteuropäer kannte ich keine damals, aber ich hatte alle Länder Osteuropas mehrfach besucht vor der Wende.

Erinnerst du dich an ein einschneidendes Erlebnis im Zusammenhang mit der Öffnung der Grenzen?
Zum einen haben mich die Fernsehberichte emotional sehr bewegt. Ich denke an die berühmten Szenen in der deutschen Botschaft in Prag oder an das Paneuropäische Picknick. Ich habe mit großem Interesse immer die Berichte verfolgt, da ich diese Länder persönlich alle kannte. Ich erinnere mich auch, wie die ersten Flüchtlinge aus der DDR in den westdeutschen Städten, in Turnhallen untergebracht worden.

Worüber hast du dich gefreut, was hältst du für positiv und was für negativ?
Die Wende ist – wenn man insgesamt europäisch sieht – ein einmaliger Glücksfall der Geschichte. Ich hätte nie gedacht, als ich während meines Studiums in diesen Ländern war, dass jemals der Eiserne Vorhang fallen wird. Ich hatte es für völlig unmöglich gehalten, als ich nach Ungarn kam, dass nicht mal mein Pass kontrolliert wurde. Es war ein ergreifendes Erlebnis, da ich es von Frankreich oder von der Schweiz kannte, aber nie von den osteuropäischen Ländern. Willi Brandt, der berühmte deutsche Bundeskanzler hat einmal über Deutschland gesagt: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“. Und das gilt auch für Europa. Jahrhunderte lang waren  Budapest, Prag oder Warschau so vertraut wie deutsche Städte, nur durch den Eisernen Vorhang wurden uns diese Gebiete fremd. Es ist etwas Schönes und Großartiges, dass wir uns als ein Europa fühlen können, dass wir problemlos hin- und herfahren können, dass wir Schüleraustausch mit diesen Ländern haben können. Es ist auch wichtig, in Deutschland zu erkennen, dass die Mitte Europas nicht Deutschland ist, sondern weiter östlich liegt. Dieses Bewusstsein ist in Deutschland verloren gegangen. Und wenn ich von gegenseitigen Besuchen spreche und  Werbung für den Schüleraustausch mache, sage ich, was es dort zu sehen gibt. Diese mittelosteuropäischen Länder zu besuchen, ist ja genau so sinnvoll  wie nach  Frankreich oder Amerika zu fahren.
Eigentlich überwiegen die positiven Sachen so, dass man über Negatives nicht sprechen sollte. Negativ ist vielleicht, dass die Attraktivität der ehemaligen Bundesrepublik in wirtschaftlicher Hinsicht zu groß ist, und Hunderttausende von Ostdeutschen nach Westen gezogen sind, so werden diese wichtigen Gebiete, wie Brandenburg, Thüringen und Sachsen-Anhalt ausbluten. Das ist bedauerlich, aber sicherlich unvermeidbar. Insgesamt ist die Wende sehr positiv und sie wurde durch die Großzügigkeit der ungarischen Regierung eingeleitet. An der österreichisch-ungarischen Grenze wurde symbolisch der Stacheldraht durchgeschnitten. All dies war nur möglich geworden, weil der große Bruder in Moskau dies toleriert hat. Deshalb halte ich Michail Gorbatschow für den bedeutendsten Politiker des 20. Jahrhunderts.

Als Anfang der Wende wird das Paneuropäische Picknick bezeichnet. Wie könntest du die symbolische Bedeutung dieses Ereignisses zusammenfassen?
Nirgendwo außer in Berlin war der Wahnsinn des Eisernen Vorhangs so zu spüren wie zwischen Österreich und Ungarn. Das war jahrhundertelang ein Kulturraum, und dieser Stacheldraht war ein absolut widernatürliches Instrument. Er wurde ja auch symbolisch durchtrennt vom österreichischen und ungarischen Außenminister, und das Picknick war die Möglichkeit, die die ungarische Regierung den Ostdeutschen geboten hat, die Grenze zu überschreiten. Das war ein sehr mutiger Schritt, das ist nicht nur ein Symbol, sondern es zeigt, dass Ungarn sich nach Westen orientieren wollte wie immer in der Vergangenheit, aber auch, dass Ungarn die Repression von Seiten des Warschauer Paktes missachtet hat. Ungarn hat hier ganz bewusst die Freiheit gewählt, obwohl die Situation damals noch nicht sicher war. Das war sehr mutig. Am Berliner Reichstag befindet sich eine Ehrentafel, wo das deutsche Volk sich bei Ungarn für diesen mutigen Schritt bedankt.

Haben die ostmitteleuropäischen Länder zwanzig Jahre nach der Wende ihren Platz in Europa gefunden? Oder werden noch weitere Änderungen kommen?
Wenn ich jetzt hier in Ungarn unterwegs bin, fällt mir rein optisch überall die europäische Fahne auf. Das ist ein Bekenntnis zu Europa, und ich kenne kein anderes Land, wo die Leute so vom Herzen europäisch gesinnt sind. Für die ehemaligen Westeuropäer wäre es dringend nötig in diese Länder zu fahren und dieses europäische oder mitteleuropäische Bewusstsein wahrzunehmen. Ich denke, die Länder sind politisch Teile Europas geworden, aber in wirtschaftlicher Hinsicht sehe ich Probleme. Ich bin eigentlich geschockt, weil ich die Amerikanisierung, die in Deutschland überall zu sehen ist, auch hier wahrnehme. Wir finden die großen Kaufhausketten wie IKEA, C&A usw., dadurch sind die anderen historischen Wirtschaftsstrukturen zerschlagen worden. Böse gesagt: der Kapitalismus hat seine Krallen nach Osten ausgestreckt, und ich bedauere es, wenn ich hier im Zentrum von Budapest spaziere, dass das spezifisch nationale Element von Ungarn völlig fehlt. Ich sehe eine große Gefahr, dass am Schluss alle Länder gleich sind und einfach überschwemmt werden von dem westlichen oder amerikanischen Konsum.

In welcher Richtung wird sich Europa in der Zukunft ändern: in die Richtung der Einheit oder der Zerrissenheit?
Ich bin natürlich kein Prophet, es gibt in den politischen Diskussionen ein Europa mit zwei Geschwindigkeiten. Nach dieser Vorstellung schließen sich die Länder Kerneuropas (Deutschland, Frankreich, Holland, Italien usw.) zusammen, und die anderen, die osteuropäischen Länder, spielen die zweite Geige. Dass diese Länder nur eine sekundäre Rolle einnehmen – das befürchte ich sehr stark.

Du hast eine enge Verbindung mit Ungarn. Du pflegst die Freundschaft zwischen unserem Gymnasium und dem Albertus-Magnus-Gymnasium sehr intensiv. Seit Neuem lernst du Ungarisch.
Wie siehst du als Ausländer, der mehrmals in Ungarn war, die Lage: Entwickelt sich dieses Land in eine gute Richtung?
Ich war achtmal in Ungarn, zum ersten Mal 1975, in der Zeit des Kalten Krieges, dann in der folgenden Zeit sehr oft, und ich sehe eine sehr differenzierte Entwicklung. Die Freiheit (Meinungsfreiheit, Pressefreiheit), das Ende der Diktatur sind rundweg positiv zu sehen. Sehr gut gefällt mir auch, dass jetzt die nationale Tradition wieder gepflegt wird, nicht die kommunistische, von Moskau verordnete. Viele historische Gebäude werden hervorragend restauriert, und es ist mehr als ein Symbol, dass der rote Stern nicht mehr daran ist, dass das Bewusstsein wieder an die große Vergangenheit der ungarischen Kultur anknüpft. Aber ich sehe in ökonomischer Hinsicht eben Probleme. Die Wirtschaftskrise, unter der  wir alle leiden, trifft die Armen in Osteuropa viel stärker als die Reichen. Und was mich besorgt macht, das ist die Trennung der Gesellschaft erstens in eine sehr reiche Schicht, zweitens in den Mittelstand, der sicher immer stärker von  sozialen Kürzungen betroffen ist (dazu gehören auch die Lehrer), und drittens in eine erschreckend hohe Anzahl von wirklich armen Leuten. Ich denke, dass es eine gefährliche Entwicklung ist, wenn das soziale Netz diese arme Bevölkerungsschicht nicht mehr auffängt. Ich sehe auch eine politische Gefahr, dass die Demokratie dieser Länder jetzt in eine Krise gerät und  dass dann die radikalen Parteien großen Zulauf finden. Überhaupt stimmt es mich sehr traurig, wie weit in Ungarn die beiden politischen Lager – rechts und links – auseinanderdriften und wie stark der Gegensatz zwischen ihnen ist. Ein gemeinsames Vorgehen erscheint nicht möglich, und dieser Gegensatz  kann sogar in Straßenkämpfe ausarten. Ein politischer Konsens wäre aber sehr wichtig für die Zukunft.

Nach der Meinung von Skeptikern hat es eine Wende in Ungarn eigentlich nicht gegeben. Was meinst du, ist diese Behauptung begründet? Existiert eventuell eine ähnliche Meinung unter den  Ostdeutschen?
Man kann ganz klar sagen, die Wende hat stattgefunden – sowohl in Deutschland als auch in Ungarn, dafür gibt es überall ganz klare Anzeichen wie die wirklich gewonnene politische Freiheit. Die Skepsis ist natürlich sehr groß, es ist unglaublich, aber wahr, dass sich zwanzig bis dreißig Prozent von Ostdeutschen die DDR zurückwünschen. Da gab es zwar keine Freiheit, aber es gab eine große soziale Sicherheit, es gab keine Arbeitslosigkeit. Ich kann schon nachvollziehen, dass die Menschen sich in erster Linie ökonomisch orientieren, und der Kapitalismus hat die Menschen vieler Dinge beraubt, so entsteht eine Sehnsucht nach der Zeit vor der Wende. Die Freiheit ist hingegen wichtiger, ich hoffe und wünsche, dass die Menschen dies auch erkennen und dankbar für die Freiheit sind, die durch die Wende ermöglicht wurde.

 

Gernot Ecke
Dozent an der Technischen Universität Ilmenau, Thüringen

 

Für mich hat sich, wie für die meisten, sehr viel durch die  Wende 1989 geändert. Ich wohnte und wohne im Osten Deutschlands, der damaligen DDR und habe an einer technischen Hochschule gearbeitet. Mein Bruder ist zwei Jahre vor der Wende nach einem Ausreiseantrag in den Westen gegangen und wohnte seitdem in Westberlin. (Die „Wende“ sollte man eigentlich nicht so nennen, weil das Wort von Egon Krenz stammt; man will es offiziell durch den Begriff „friedliche Revolution“ ersetzen, der aber nach meinem Verständnis auch nicht gelungen ist.)  Wir, mein Bruder und seine Familie und ich, wir durften uns nicht mehr sehen – ich habe keine Reise in den Westen genehmigt bekommen und er durfte nicht mehr in die DDR einreisen. Die Lösung waren  für meine Eltern kurze Treffs an der Transitautobahn A2 Berlin-Hannover, auf Rastplätzen, die alle von der Stasi überwacht wurden, wie man damals schon ahnte und wie die Stasi-Unterlagen dann auch zeigten. Ich habe meinen Bruder in der Zeit nur einmal gesehen, wir hatten uns in Budapest getroffen, dort eine Ferienwohnung gemietet und eine schöne Woche verbracht. Ein Jahr später wollten wir uns erneut treffen, diesmal in der Tschechoslowakei, aber da waren die Grenzen schon dicht und uns die Ausreise, selbst in unsere ‚sozialistischen Bruderländer’,  versagt, weil unzählige Personen die Chance der Ausreise über Ungarn-Österreich genutzt hatten und die westdeutsche Botschaft in Prag schon voll von Ausreisenden war. Vorher hatte ich Eingaben geschrieben, an den Staatsrat, den Ministerrat, um mich darüber zu beschweren, dass ich meinen Bruder nicht sehen konnte, und um eine Erlaubnis zu erwirken, dass man ihn doch besuchsweise einreisen lässt oder mir eine Reise in den Westen genehmigt – alles ohne Erfolg. Dann kam der Mauerfall, und meine erste Fahrt führte mich sofort nach Westberlin. Von da an  war das Sehen und Treffen glücklicherweise kein Problem mehr.
Nun ist die Wende lange her, die Euphorie der ersten Zeit lange verflogen und die harte Realität der westlichen Geldgesellschaft auch nicht immer leicht. Man spürt, dass man immer schwimmen muss um nicht unterzugehen, treiben lassen ist nicht angesagt, und man sieht, dass die Bürokratie, die wir im Osten schon fürchterlich fanden, doch noch überboten werden kann. Und man sieht, dass Beziehungen, die im Osten sehr wichtig waren, noch tiger geworden sind, weil einfach mehr davon abhängt – nicht nur ein Wasserhahn, sondern ein Ausbildungsplatz, nicht nur ein Fernseher, sondern eine Arbeitsstelle. Und man stellt fest, dass die neue Freiheit wirklich wertvoll ist, die Freiheit zu reisen, die Freiheit des Wortes, aber dass das Wort selbst plötzlich sehr viel an Gewicht verloren hat. Was waren das für gewichtige Worte, die Schriftsteller wie Aitmatow oder Heym damals schrieben - wir kannten sie alle, wir haben sie benutzt und über sie diskutiert. Und jetzt – was habe ich neulich Treffliches gelesen: Niemals zuvor  wurde so viel Papier mit so wenig Inhalt bedruckt wie heute! Wie hasse ich die hohlen Phrasen, Schlagwörter und Spots, die täglich auf uns einströmen!
Mir geht es gut seit der Wende, mein Berufstand wurde aufgewertet und mein Gehalt auch, ich habe eine interessante Arbeit an der Universität in Ilmenau und keine Sorgen um das alltägliche Auskommen. Ich kann viel reisen und nutze diese Chance auch, ich konnte mir ein altes Bauernhaus kaufen und ausbauen und mir geht es materiell in jeder Hinsicht sehr gut. Ich weiß aber, dass es bei weitem nicht allen Menschen so gut geht und bin deshalb sehr froh über mein Glück und weiß es zu schätzen. Aber ich denke auch, dass vieles im Argen liegt und verändert werden muss. Seit der ‚Wende’ hat die Zahl der Verbote  genauso wie die Überwachung dramatisch zugenommen. Wenn diese Tendenz anhält, sind wir irgendwann da, wo wir schon mal waren. Und die Ungerechtigkeit, die Unterschiede zwischen denen, die alles haben, und denen, die sehr hart arbeiten müssen und dennoch nicht genug haben zum Leben, die sind absolut inakzeptabel!
Aber meine Brüder – die kann ich jetzt besuchen und sehen,  wann ich will! Und das passiert zum Beispiel heute.

 

Barbara Osnowski
Ehemalige Lektorin des ÖI Budapest, Lehrerin in der AISB (American International School Budapest)

 

Zur Zeit der Wende war ich Studentin in Greifswald, einer kleinen Universitätsstadt im Nordosten der DDR. In einer Anekdote heißt es, dass man in jener Gegend vor dem Weltuntergang sicher sei, weil dort alles erst 50 Jahre später passiert. Dennoch bekamen wir einiges von der Wendestimmung mit, bevor es richtig losging. Menschen versammelten sich zu friedlichen Kundgebungen, Lichterketten, geheimen Zusammenkünften, die mich (von Natur aus rebellisch und jugendbedingt abenteuerlustig) magisch anzogen. Für die richtig großen Demos musste man allerdings nach Berlin fahren, wie wir das auch sonst taten, wenn wir was erleben wollten. Die eventuellen Konsequenzen (man munkelte von Stasigewalt oder wenigstens Studienverbot) machten die Sache für mich nur umso aufregender. Glücklicherweise bin ich nie in Stasihaft geraten, das hätte mir meinen Leichtsinn wahrscheinlich ausgetrieben. Von den Vorfällen, bei denen friedliche Demonstranten brutal zusammengeknüppelt und während der Haft misshandelt und gedemütigt wurden, erfuhr ich erst nach der Wende. Auch, dass sich zur gleichen Zeit die Armee in erhöhter Alarmbereitschaft befand, jederzeit verfügbar, um gegen den Feind (uns?) loszuschlagen, wusste ich damals nicht. Und die armen Soldaten hatten ebenfalls keine Ahnung, gegen wen sie bald zu Felde ziehen sollten.
 Ich machte mir keine Gedanken darüber, was bei den utopischen Reformen, für die wir demonstrierten, eigentlich herauskommen sollte. Ich war naiv und politisch DDR-mäßig ungebildet, aber glaubte fest an Gerechtigkeit und das Gute im Menschen und daran, dass ich eines Tages in Frankreich studieren würde,  mit oder ohne Grenzöffnung. Aber die Gerüchte von den vielen Flüchtlingen in den Botschaften von Prag oder Budapest berührten mich nicht so sehr. Erst viel später hörte ich, dass ein guter Freund von mir diesen Weg gegangen war.
Uns oder mich interessierte tatsächlich eine Wende innerhalb der DDR, in unserem Land, das wir gar nicht so schlecht fanden, in dem es soziale Sicherheit gab und man sich fühlen konnte als Gleicher  unter Gleichen, kein unangenehmes Gefühl. Wir sympathisierten mit „Gorbi“ und seiner Perestroika und Glasnost. In der Woche des sowjetischen Films hatten wir die unfassbare Gelegenheit, schnell alle bis vor kurzem noch beim Großen Bruder verbotenen Filme zu sehen, bevor die Zensur verspätet reagierte und eiligst die Filme aus dem Programm nahm. Dort also war Regimekritik schon möglich - das ermutigte uns, zu rufen, „WIR sind das Volk!“.
 Im Großen und Ganzen aber floss das Leben für mich so dahin, es passierte nichts Besonderes, außer den Dingen, die man persönlich für wichtig hält. Eines Tages fuhr ich von Greifswald in meine Heimatstadt, nach Rostock, wie jedes Wochenende. Dort besuchte ich meine Freunde in „ihrem“ besetzten Haus. Ich kletterte über die verfallenen Treppen bis ganz nach oben, auf der Suche nach irgendjemandem. Sie saßen alle vor dem Radio, mit eigenartigen Gesichtern. Einer nahm mich beiseite, „Du, Barbara, setz dich erstmal hin.“ Dann grinste er und sagte: „Die Mauer ist auf“ oder so etwas, ich hab ihm natürlich nicht geglaubt...
Ich weiß nicht mehr, wie ich mich fühlte, wahrscheinlich haben wir gefeiert, auf jeden Fall wollte ich wie alle „dabei sein“, es mit eigenen Augen sehen.  So fuhr ich ein paar Tage später mit Freunden nach Berlin, ging durch die bis dahin so tabuisierten Grenzen mit Kribbeln im Bauch (ob sie mich wohl wieder hineinlassen, vielleicht ist das eine Falle, sie wollen uns nur alle registrieren…). In Westberlin empfand ich es als kalt und eher unfreundlich, na ja, es war Herbst und die erste Euphorie war bereits vorüber. Aber bald fuhren wir zu einem Treffen mit der Westfamilie in Bremen und Hamburg. Es war bewegend, sich dort zu treffen, wohin man nie hatte fahren dürfen. Und es war lustig, mit dem Trabi auf der Autobahn von all den freundlich winkenden Westautofahrern überholt zu werden. Ich hatte es eilig, zum Studium nach Bonn zu wechseln, wegen der angeblich größeren Möglichkeiten, wie mir von cleveren Wessis eingetrichtert wurde, und schon den nächsten Sommer und dann noch ein ganzes Studienjahr verbrachte ich in meinem geliebten Frankreich.
Irgendwann ging ich zurück nach Greifswald, denn dort verlief das Leben für eine Weile immer noch nicht so hektisch und die Menschen hatten mehr Zeit füreinander.
Die DDR wurde der Bundesrepublik angeschlossen, es gab keine Reformen, es wurde kein neues Land geschaffen, es wurde nichts von der DDR übernommen, außer vielleicht das Ampel- und das Sandmännchen... Heute sehen die Städte im Osten neuer und schicker aus als die im Westen, aber es gibt Arbeitslose, Obdachlose und Drogensüchtige, die es vorher nicht gab, Ärzte behandeln je nach Dicke des Geldbeutels, auch die Qualität der Schulbildung hängt von deinem Budget ab, und ansonsten entscheidet in der neuen Demokratie immer noch nichts der démos, das Volk. Es gibt eventuell immer noch ein wenig Ostmentalität unter den Älteren, man ist vielleicht etwas sozialer, kämpft weniger mit den Ellenbogen um jeden Preis um das eigene Wohl. Aber ich bin nicht sicher, ob Ossi-Sein erblich ist.

Michael Stanzer
Dipl. Politischer Bildner,
Gründer der European Civic Education Foundation,
Projektkoordinator von
www.ycr-e.eu

 

Ich war vor 1989 beruflich öfter im Ostblock, auch in Ungarn. Immer waren bei Verhandlungen neben den Fachleuten finstere Politkommissare anwesend. Die waren jedoch, sobald es informell wurde, ganz besonders um Westkontakte bemüht, offensichtlich um sich diese für die Zeit danach rechtzeitig zu sichern.
Spätestens durch die Abrüstungsverhandlungen in Island (1986) und in Valletta/Malta (1989) wurde es auch für Beobachter aus dem Westen klar, dass die Sowjetunion dem Bankrott nahe war.Vor allem durch Reagans Aufruf in Berlin (1986) : “Mr. Gorbachev, tear down this wall!" und später durch Kohls persönliche Annäherung an Gorbatschow (1988) war für jeden Interessierten erkennbar geworden, dass es nur mehr eine Frage der Zeit war, bis es zu gravierenden weltpolitischen Veränderungen kommen würde.

Mich ärgern heute die zahlreichen „unhistorischen“ Klischees, mit denen die so genannten Schlüsseler-eignisse der Wende beschrieben werden. Denn es  waren weder das von Leuten aus Debrecen (440 km von Sopron entfernt!) initiierte paneuropäische Picknick, noch das Durchschneiden des Stacheldrahtes eine besondere demokratiepolitische Heldentat. Es war auch eher ein Zufall, dass das paneuropäische Picknick in Sopron (August  1989) stattfand, weil man nur mehr dort einigermaßen intakte Grenzanlagen finden konnte, die noch nicht abgebaut worden waren. Dasselbe gilt für das Durchschneiden des Stacheldrahtes durch die beiden Außenminister Horn und Mock (Juni 1989). Auch das war kein riskanter politischer Akt, sondern eine von einer Fotoagentur inszenierte, symbolische Aktion. Natürlich hatten beide Aktionen ihre Wirkung, doch in Wahrheit wurden bereits am 2. Mai 1989 vor den Augen der internationalen Presse die Grenzbefestigungen von Hegyeshalom abgerissen. Selbst das war bereits relativ ungefährlich, weil Gorbatschow schon im März zugesichert hatte, nicht mit Waffengewalt in Mitteleuropa zu intervenieren. Das erfuhren auch viele Ostdeutsche und bemühten sich nun verstärkt um Urlaubsgenehmigungen nach Ungarn.

Die wahren Helden der Wende  waren für mich  tausende von ostdeutschen UrlauberInnen in ihren Trabis und Wartburgs, die die lange Reise ins Ungewisse über die damalige Tschechoslowakei und Ungarn auf sich nahmen  und hofften, auf diesem Weg in den Westen zu gelangen. Ähnlich wie dem Osten Deutschlands  erging es nach der Wende auch den anderen Visegrád - Staaten. Investoren auf der Suche nach den so genannten verlängerten Werkbänken kamen ins Land. Man nutzte weitgehend die Unerfahrenheit der Politiker, der Gewerkschaften und der Konsumenten, um Produkte im Osten “wettbewerbs-fähiger” herstellen und vertreiben zu können. So entstanden bei den Menschen bald neue Illusionen, die sich mit den Begriffen NATO und EU verbanden.
Die NATO sah man, ich weiß dies aus vielen Gesprächen, als notwendiges Eintrittsticket in die EU, die EU wiederum idealisierte  man als  Institution, die alle Probleme lösen würde. Bezeichnend war die geringe Beteiligung von nur 45,62 Prozent am Referendum zum EU-Beitritt. Man ging nicht hin, weil man ohnehin dafür war. Und so kam Vieles anders als man es erhofft und erwartet hatte.
Ungarn leidet heute aus meiner Sicht unter mehreren Problemkreisen. Dazu gehört zunächst der seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts andauernde “Brain Drain” (= die Abwanderung qualifizierter Fach- und Führungskräfte ins Ausland). Kaum wird eine neue Generation ausgebildet, verlassen viele das Land, um im Westen bessere Perspektiven für sich zu entdecken. Industrie, Banken, Versicherungen und Wirtschaft ausländischer Provenienz stoßen in das so entstehende Vakuum und beherrschen heute das Land. Doch die erzielten Gewinne  verlassen es wieder.

Die Wende hat Ungarn grundlegend verändert. Der Staat wurde weitgehend modernisiert. Rechtsstaatliche Verfahren und Rechtssicherheit sind so gut wie gewährleistet. Große Schwachpunkte sind nach wie vor die Unzulänglichkeiten in der Minderheitenpolitik (vor allem der Umgang mit den Roma), der mangelnde Ausgleich zwischen Arm und Reich, die Gesundheits- , Sozial- und Bildungspolitik.

Ich konnte mir 1989 nicht vorstellen, wie der über Nacht einsetzende Turbokapitalismus, der wie ein Tornado über den Ostblock hereinbrach, so schnell  zu “blühenden Landschaften” wird führen können. Es braucht eben alles seine Zeit und gemeinsame Ziele, die unabhängig von der parteipolitischen Zugehörigkeit kontinuierlich verfolgt werden. Leider lässt die  tiefe Spaltung der ungarischen
Gesellschaft  eine Große Koalition, die das Land zur Bewältigung seiner Probleme benötigen würde, (noch) nicht zu. Wie Ungarn im Jahr 2029 aussehen wird,  ist deshalb höchst ungewiss - es wird wohl vorwiegend davon abhängen, ob es gelingt, die Gespenster des übertriebenen Patriotismus, die das Land immer noch in seiner Entwicklung einengen, aus eigener Anstrengung zu vertreiben.

Brigitte Klingenberg
Lehrerin an der Österreichisch-Ungarischen Europaschule

 

Im Jahre 1989 lebte ich noch in Österreich, ich hatte gerade geheiratet und hatte schon zwei relativ große Söhne. Hauptsächlich habe ich die Ereignisse über das Fernsehen erfahren. Die Nachrichten über die Änderungen haben uns betroffen und hoffnungsvoll gemacht. Ich erinnere mich klar daran, dass der österreichische und ungarische Außenminister mit der Zange den Stacheldraht durchgeschnitten haben. Die wichtigste Änderung, die die Wende in meinem Leben gebracht hat, ist, dass ich jetzt hier sitze und in Budapest arbeite. Obwohl ich 1987 beschlossen habe, nicht mehr nach Ungarn zu fahren, weil ich mich damals an der Grenze zu schikaniert vorgekommen bin. Das hat sich nachher schnell geändert. Was sich nicht geändert hat, ist meine Beobachtung, dass die Leute in den Geschäften weiterhin sehr geduldig Schlange stehen können.
Persönlich hatte ich keinen Kontakt mit Menschen aus Ungarn oder mit Osteuropäern, also sind meine Erlebnisse indirekt. Wir saßen vor dem Fernseher, und es war unfassbar, was z.B. bei der Berliner Mauer oder an der österreichisch-ungarischen Grenze passiert ist. Obwohl man die Ereignisse nicht am eigenen Leib gespürt hat, hatte man doch eine gewisse Angst, wie es wohl weitergeht. Ich glaube, diese Angst ist heute weg, und was die Zukunft betrifft, hoffe ich, dass Ungarn noch die Gelegenheit haben wird zu zeigen, was es an Potential hat.
Über die Rolle von Ungarn in der Europäischen Union denke ich, dass alle Länder ihren Platz in Europa haben. Ich bin davon tief überzeugt. Ich weiß nicht, ob das auch schon in den Köpfen der Menschen so selbstverständlich ist. 
Es gibt Menschen in Ungarn, die noch nicht gewonnen haben, die einfach noch um ihr Überleben kämpfen müssen. Die angebliche Sicherheit, die sie vorher hatten, ist sicher verloren gegangen. Vieles muss sich auch noch in den Köpfen der Menschen ändern.
Ich habe nur begrenzten Kontakt mit Ungarn – wegen der Sprache -, so bekomme ich von der  gespannten Atmosphäre wenig mit. Ich habe nur nette, hilfsbereite Menschen kennengelernt - die anderen blende ich aus. Ich hoffe sehr, dass die Entwicklung in Europa in Richtung Einheit geht. Das bedeutet aber nicht, dass die Länder ihre Eigenheiten verlieren dürfen.
Wenn ich jedoch die Berichte im Fernsehen darüber sehe, was manchmal so passiert oder wie die Polizei aufmarschiert, dann bekomme ich Angst. Dann kann ich mir vorstellen, wie es den ausländischen Mitbürgern in Österreich geht. Wobei ich glaube, dass unsere Position hier doch anders ist, dass wir in einer privilegierten Situation sind.
Trotzdem fühle ich mich wohl, und wenn ich diese Stadt sehe oder über eine der  schönen Brücken fahre, bin ich jedes Mal begeistert und fasziniert, dass ich hier sein kann.

„Onkel Gyuri”
80-jähriger Ungar, pensionierter Konditor, wollte seinen Namen nicht angeben und kein Foto von sich machen lassen

 

Während der Wende war ich schon Rentner. Ich bin jetzt 80 Jahre alt, und ich arbeite seit 25 Jahren nicht mehr. So übte die Wende auf mein Leben keinen tiefgehenden Einfluss aus. Ich war schon damals zu alt, um an Ereignissen teilnehmen zu können. Ich hatte aber positive Erwartungen.
Ich habe den Weltkrieg erlebt, hungerte viel, aber auch danach war das Leben für mich nicht viel besser. Ich könnte ja darüber viel erzählen. Bei meinem Job als Konditor war ich vielmals benachteiligt, weil ich nie in die Partei eintreten wollte. Ich hatte mehr als  zehn Arbeitsplätze, weil meine Chefs es immer schafften, mich zu schikanieren. Ich bin nie reich geworden, obwohl meine Kollegen sagten, dass ich ein begabter Konditor gewesen bin.
Meine Erwartung war, dass meine Lebensumstände nach der Wende besser werden, aber ich hatte mich getäuscht. Ich bezahlte lebenslang meine Beiträge zur  Rentenversicherung, aber nach der Wende bekam ich wirklich weniger, als ich in dem vorigen System bekommen hätte. Ich bin total verärgert, wenn ich im TV höre, dass die Rentner froh sein können, weil die junge Generation ihren Unterhalt bezahlt. Ich habe das Gefühl, dass meine lebenslange Arbeit einfach mit einem Federstrich weggewischt wurde. Mit meiner Schwester zog ich zusammen, damit wir ein bisschen besser leben können.
Was die Zukunft betrifft, bin ich eher pessimistisch. Ich bin mit der aktuellen Politik nicht zufrieden, ich fühle, dass die Rentner geprellt wurden. Heutige Jugendliche beneide ich auch nicht, sie werden es schwer haben. Jetzt habe ich einen Hund bekommen, so habe ich ein bisschen mehr Freude im Alltag. Ich hoffe jetzt nur auf ein ruhiges Leben, freudige Überraschungen sind für mich nicht mehr angesagt.

Hans-Peter Erben

Hans Peter Erben stammt ursprünglich aus der DDR und lebt jetzt in Ungarn.

 

Hans Peter Erben stammt ursprünglich aus der DDR und lebt jetzt in Ungarn.

Von 1986 bis 1995 habe ich in der BRD gearbeitet, nur im Jahr 1989 war ich in Ungarn, allerdings  vor der eigentlichen Wende.  Was mir wirklich in Erinnerung geblieben ist, waren deshalb die Ereignisse in der DDR, besonders der Fall der Mauer. Und davor, als Gyula Horn  es ermöglicht hat, dass die Touristen aus der DDR in den Westen ausreisen konnten. Damals konnte man in Österreich auf viele Wartburgs treffen, die unterwegs nach Deutschland waren.
Was für mich eine wirkliche Veränderung bedeutete, war die Tatsache, dass man viel leichter reisen konnte. In der Zeit davor musste man bei Sopron schon 1,5 km vor der Grenze anhalten. Es war aber interessant, dass nach der Wende auf der österreichischen Seite die Kontrollpunkte  ausgebaut wurden und auch das Militär dort erschienen ist. In Ungarn habe ich aber die Veränderungen nicht wirklich miterlebt. In der damaligen DDR sind zuerst die Werbungen und die Westautos aufgetaucht. Der Geldwechsel ist mir noch in Erinnerung, als man für 2 DDR-Mark eine Westmark bekommen konnte. Es war auch auffallend, dass die Leute in der Gegend um Berlin ihre Häuser renoviert haben. Dies galt aber nicht für die von Berlin weiter entfernten Gegenden. Über die Situation auf dem Arbeitsmarkt kann ich aber nicht viel sagen: Meine Eltern waren schon Rentner, und für meine Schwester und mich war es glücklicherweise kein Problem, einen Job zu finden.
Persönlich hatte ich eigentlich kein Problem mit dem alten System. Ich war kein politisch Verfolgter, ich hatte meine Arbeit (natürlich mit einem anderen Gehalt). Ich denke, dass es nicht vom jeweiligen System abhängt, wie man sich persönlich fühlt. Natürlich hatten wir einen niedrigeren Lebensstandard, aber im Allgemeinen ist es uns nicht schlecht gegangen. Für die Leute, die reisen wollten, war es allerdings deutlich schwieriger.
Das neue System brachte mir weder besondere Vorteile noch besondere Nachteile. Das kapitalistische System hatte ich schon in der BRD kennen gelernt, also war es für mich keine Überraschung. Es gibt auch Dinge, die sich im Grunde nicht verändert haben, zum Beispiel   die Mentalität der Leute. Es ist noch immer eine populäre Strategie, nur darauf zu achten, dass man immer rechtzeitig am richtigen Platz ist. Wem dies nicht gelingt, der fühlt eine große Frustration. Vielleicht denkt die jüngere Generation aber schon anders.
Was ich von den nächsten 20 Jahren in Ungarn erwarte? Es wäre schön, wenn die politische Elite auch für das Gemeinwohl etwas tun würde, nicht nur für ihre eigenen Interessen. Ich denke aber, dass wir auch von den größeren Ländern abhängig sind. Auf die Landwirtschaft sollten wir größeren Wert legen, dies könnte viele Arbeitsplätze bringen.
20 Jahre nach der Wende sagen viele Leute, dass es eigentlich keine wirkliche Wende gegeben hat. Die alten Politiker sind in der Tat noch immer aktiv, aber meiner Meinung nach haben wir das wahre Problem mit der Demokratie. Die Menschen haben noch nicht den Mut sich zusammenzuschließen und ihre Rechte wahrzunehmen. Die Parteien werden sich aber anderfalls nicht ändern. Ich denke, dass wir auch von Europa noch ganz weit entfernt sind, vor allem im Hinblick auf die Mentalität. Aber in der jetzigen Weltfinanz- und Wirtschaftskrise ist es schwer vorherzusehen, in welche Richtung sich Europa entwickelt  und ob die europäische Integration sich tatsächlich positiv auswirken wird.
Schade, dass wir sehr häufig den bequemen Weg wählen. Meiner Meinung nach war der Grundgedanke des vorigen Systems nicht schlecht. Aber die Menschen denken anders: Sie sind lieber bequem und wollen die Vorteile sofort sehen. Der Kapitalismus funktioniert gut, solange mit der Wirtschaft  alles in Ordnung ist. Aber wenn dies nicht der Fall ist, werden Personen mit weniger Talent Probleme haben. Die Frage ist nur: Was gilt als Talent?

Martin Reiterer
Germanist, Wien

 

1989 habe ich in Wien studiert. Zusammen mit einem Freund wollte ich ein Semester an einer anderen Uni studieren und die Entscheidung fiel auf Berlin. Wir wollten unbedingt noch einen  anderen Blickwinkel auf die Welt kennenlernen. Im September 1989 kamen wir in Berlin an. Wir haben ungleich mehr bekommen, als wir erwarten und überhaupt ahnen konnten. Berlin war, trotz der Mauer, eine offene Stadt. Die FU (Freie Universität) war anders als die Wiener Uni und höchst spannend.
Am 9. November wollte ich mit Giorgio und einem anderen Freund ins Kino gehen: Wim Wenders, „Der Himmel über Berlin“. Ich war tagsüber an der Uni und bin dann direkt zum Kino gefahren, irgendwo am Reuterplatz. Ich war zuerst da und wartete noch ein bisschen. Schließlich dauerte das lange, und langsam breitete sich das enttäuschende Gefühl und schließlich die Gewissheit aus, dass mich die beiden versetzt haben. Ich war müde und hatte keine Lust, mir den Film alleine anzuschauen. So machte ich mich auf den Weg nach Hause. Ich wohnte in Neukölln, im Südosten West-Berlins, und musste ein-, zweimal umsteigen. Je weiter ich nach Osten gelangte, desto mehr Leute waren auf den Straßen, ich musste sogar eine U-Bahn fahren lassen, da sie derart überfüllt war, die U-Bahnstation Hermannplatz, wo ich das letzte Mal umsteigen wollte war schließlich geradezu undurchdringlich. Wie konnte es nur geschehen, dass ich noch nicht  wusste, was an Unvorstellbarem passiert war? Heute komme ich mir vor wie jener Protagonist in Canettis Roman „Die Blendung“, Peter Kien, der, derart in sich versunken, in der Muthstraße in Wien von einem Passanten angesprochen wurde und der zwar die Frage hörte, aber zugleich sich völlig in Sicherheit wiegte, dass nicht er, sondern jemand anderer angesprochen wurde.
Es geschah aber noch etwas anderes Unglaubliches: An dieser U-Bahnstation, die bereits so voll war, als würde sich die gesamte Bevölkerung auf ein Fest begeben, traf ich meine beiden Freunde, mit denen ich eigentlich ins Kino gehen wollte, um „Himmel über Berlin“ zu sehen. Dieser Zufall war im Grunde fast so unfassbar wie das, was mir die beiden erzählten, wäre das erstere nicht vollkommen belanglos gewesen. „Die Mauer ist offen!!“ Meine Freunde klärten mich auf über die unvorstellbaren
Ereignisse, was mir  denn auch als Entschuldigung mehr als genügte. Die beiden waren auf dem Weg zur Mauer, gemeinsam versuchten wir, so schnell wie möglich dorthin zu gelangen. Ich hatte noch den Spruch Honeggers im Ohr, den er einen Monat zuvor verlauten ließ: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf!“
Alle diese Dinge zusammen genommen, mein Versetzt-Werden, der Himmel über Berlin, die Mauer, ihr Fall, Peter Kien, das zufällige Wiederfinden in der Masse, ergaben eine unbegreifliche Situation voller Absurdität, Ungleichzeitigkeit und Ineinandergeraten von der kleinen persönlichen und der großen weltbewegenden Geschichte.
Die Stimmung an der Mauer war so unglaublich, die Menschen nicht nur auf die andere Seite der Mauergelangt, sondern außer sich geraten, wie es schon des öfteren beschrieben wurde.
Mein Studium hat sich vor allem unmittelbar in den kommenden  zwei, drei Wochen verändert. Zusammen mit meinen Freunden verbrachte ich die Zeit mehr in Cafés und Kneipen, auf Demos auf den damals noch Ost-Berliner Straßen als in Hörsälen und Vorlesungen. Man konnte sich praktisch irgendwo reinsetzen und mit den Leuten sprechen: Die Ereignisse, die sich noch immer Tag für Tag, sogar Stunde für Stunde, überstürzten, waren Gesprächsstoff genug.
Im Nachhinein ist für mich dieses Datum – aber es ist nicht ein Datum, sondern ein Übergang, der als kleinste Einheit mindestens ein bis zwei Jahre dauerte – ein ganz besonderes. Ich habe sehr viel über Geschichte zu begreifen begonnen. Bei dem französischen Historiker und Philosophen Michel Foucoult ist mir bereits zuvor der schwierige Begriff der Diskontinuität begegnet. Die Ereignisse von 1989 haben für mich in einer ungleich anschaulicheren Weise gezeigt, was dieser Begriff bezeichnen kann: 1989 war ein Bruch, der freilich von einer kaum beschreiblichen globalen Reichweite war und noch immer ist; an den Geschehnissen von 1989 konnte ich selbst spüren, wie sich in meinem Denken ein Bruch bemerkbar machte. Die Ereignisse dieses Jahres haben mein Denken, mein historisches Denken geradezu explosionsartig erweitert.

 



Drucken

Newsletter abonnieren

 

Seite weiterempfehlen

Druckversion

Newsletter abonnieren

Bookmark and Share

Seite weiterempfehlen




© Österreich Institut H-1061 Budapest, Andrassy út 21
+36-1-3223030 mail:office@oei.hu - created with TYPO3